Sei’s drum, ich berichte von meinem 2. – und diesmal erfolgreichen – Versuch die Transcimbrica zu fahren.

Kurze Einleitung:
Ein Overnighter ist noch mehr eine Wanderung als ein Brevet. Die Tour steht im Vergleich zur Sportlichkeit noch mehr im Vordergrund, dabei ist Bikepacking ein großes Thema. Kontrollen im Sinne eines Brevet gibt es eigentlich nicht, demzufolge nach auch keine Stempelkarte, und – es gibt kein Zeitlimit! Die Tracks sind im Allgemeinen herausfordernd bis sehr schwierig, durchzukommen / zu finishen ist dabei Herausforderung genug. Aufgrund der (Nicht-)Organisationsform kann es sowohl passieren dass man abends zusammen am Lagerfeuer sitzt, als denn auch das man jemanden trifft der die Strecke so schnell wie möglich fahren möchte. Wie genau der Track einzuhalten ist obliegt dem jeweiligen Veranstalter, es gibt eigentlich kein festes / übergeordnetes Regelwerk.

Meine Vorgeschichte:
Zu neunt hatten wir Anfang März erfolglos versucht die Strecke Hamburg – Skagen – Hamburg zu fahren, alle Neune haben wir aufgegeben. 3°C, Regen / Schnee und der, in meinem Falle ungewohnt, hohe Anteil an Gravel haben uns gezeigt wo der Hammer hängt. Ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen und bin jetzt Ende Mai die Strecke alleine abgefahren.

Dienstag:
Wie geplant komme ich am Dienstag nach drei Nächten Bereitschaftsdienst mit dem Zug über Ff/M. in Hamburg an. Eigentlich kann ich nachts 6h schlafen (ist ja Bereitschaftsdienst), diesesmal habe ich aber unglücklicherweise einen recht aufwändigen Polizeieinsatz der meinen Schlaf mehrfach unterbricht. In Hamburg angekommen bin ich also eigentlich „bettfertig“. Aber nix da!
Wie angekündigt schwinge ich mich um 15:00 Uhr aufs Rad und fahre los.

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Die Strecke bis an den Nord-Ostsee-Kanal ist in 4h abgespult, soweit gibt es hier nichts neues.

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Allein durch die Tatsache das ich dieses mal 9h später losgefahren bin haben die kleinen Supermärkte inzwischen zu. Das gilt auch für das Einkaufszentrum hinter Flensburg, bis ich dort bin ist alles dunkel. Apropos dunkel – nach 9h bin ich an der dänischen Grenze, fein fein.

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An der Stelle, an ich im März meinen Platten hatte bin ich aus Unvernunft rechts abgebogen, eigentlich sah das Schild so aus als ob ich trotz Umweg ein bisschen mehr Asphalt und ein bisschen weniger Gravel hätte… aber weit gefehlt! Ich hab mich RICHTIG in die Scheiße manövriert und bin ca. 90min irgendwo im Acker rumgestochert. Nachdem ich das irgendwann eingesehen habe bin ich reumütig zurück auf den Track und mit gesenktem Haupt bis nach Søst gefahren. Dort habe ich, vom ständigen Nieselregen inzwischen etwas durchweicht, in der örtlichen Bushaltestelle mein Lager aufgeschlagen und – zu Ende war mein erster Tag.

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Mittwoch:
Aufgewacht bin ich so nach 7h, die miserable Nacht vom Montag auf Dienstag hat ihren Tribut gefordert. Jetzt schnell raus aus dem klammen Schlafsack, dem tropfenden Wasser das vom Dach der Bushaltestelle fällt entkommen, alles zusammenpacken und ab nach Rødekro. Rødekro ist das Ort, in dem ich im März abgebrochen habe, ich weiß also dass es dort Bargeld und Einkaufsmöglichkeiten gibt. Der Pizza-Türke mit den mexikanischen Nudeln hat morgens natürlich noch zu, aber mit ein bisschen warten vor dem Supermarkt gibt es um 8:00 Uhr alles was das zivilisierte Herz begehrt. Aufgefüllt und vollgefuttert geht es weiter Richtung Norden. Dabei – wie gehabt – seit der dänischen Grenze – vor allem über Gravel.
Der Kebab- und Pizzaladen in Nørre-Snede ist nicht so der Burner, aber es ist schließlich Mittagsessenszeit. Alle sind fürchterlich nett und es gibt WLAN und lauwarmen Kaffee.
In Viborg gibt es dafür brühheißen Chai (türk. schw. Tee) beim Tyske Döner (Deutscher Döner) Laden. Der gute Mann macht nicht nur extra für mich nochmal Tee um 22:00 Uhr, nein, auf meine Frage hin ob er wohl Englisch spricht muss er verneinen – aber wir werden uns auf Deutsch sehr schnell einig.

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Weiter geht es, über rustikale Straßen – manchmal – und eigentlich über Gravel in alles Formen und Farben. Grob, fein, gelb, weiß… mit Pfützen, ohne…
Im Vammen reicht es mir, ich lege mich geradewegs neben eine Parkbank auf die Wiese. Herrlich!

Donnerstag:

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In Arden gibt es den einzigen brauchbaren Kaffee den ich in Dänemark getrunken habe. Kein Wunder, die Wirtin hat in Deutschland studiert und verbindet das Gute (deutschen Kaffeegeschmack) mit dem Guten (herzhaften dänischen Brötchen mit Knoblauch und Kräutern) die mit Butter serviert werden. WLAN incl.

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Was jetzt folgt ist trotz der Tatsache dass ich mich eigentlich auf einem nationalen Radweg befinde hart – ganz hart. Singletrail, Wald, es geht durch eine Furt…. im Wald verfranse ich mich ganz fürchterlich da mein Navi keinen guten Empfang hat… es gibt Gravel, Gravel und noch mehr Gravel, es geht über Schafssperren (Gitter im Boden)… Ich hab keinen Bock mehr. Irgendwann habe ich die Faxen (zumindest temporär) dicke und frage mich in Østervrå nach einem Weg nach Skagen OHNE Gravel durch, man weist mir den Weg nach Osten und über Frederikshavn. Die Fahrt nach Sæby ist der Knaller – nach all dem Gravel und dem Hinterlandsasphalt gehts mit einem 40er Schnitt nach Osten. Der Kopf ist danach wieder frei und die Imbissbude in Sæby hat einen tollen Hawaii-Burger, WLAN und auch hier – lauter nette Leute.

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Frederikshavn selbst ist schön, aber voll und als Universitätsstadt natürlich dementsprechend quirlig. Meine selbstgewählte Umgehungsstrecke führt mich weiter an der Ostküste Jütlands entlang…

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Vorbei and den Fähren nach Norwegen und Schweden…

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Die Versuchung ist da… aber nein, weiter geht es dem letzten offenen Supermarkt entgegen und weiter bis nach – Skagen!

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Die Aussicht in Skagen ist natürlich schön, aber es wird schnell zugig und nach div. Fotos die ein dänisches Ehepaar von mir mit meinem Handy machen geht es wieder zurück nach Hamburg.
Nach einer ausgiebigen Kaffeepause in Skagen (WLAN, gepfefferte Preise) schlafe ich das erste (und bisher einzige) mal in einem Shelter.

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Freitag:
Auf der Rückfahrt geht es entlang der Westküste / Nordsee. Hier ist die Strecke überwiegend auf Asphalt geplant, überwiegend, weil auch hier das ein oder andere Stück „irgendwas“ dazwischenkommt. Gefühlte 10km Waschbetonplatten z.B. oder 2km weißer Grobschotter der so grell leuchtet, dass mein Hintern von jetzt unten Sonnenbrand hat.

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Je weiter ich nach Süden komme umso mehr Touristen gibt es. Das Wetter ist inzwischen klasse, warm und trocken, es ist Freitag… also kommen die Wohnmobile aus dem Norden Deutschlands.
In Thisted ist ein Straßenfest, die Sonne knallt inzwischen doch sehr – aber ein Hot-Dog und eine Limo müssen schon sein bevor es weitergeht.

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Vor Struer macht der Kurs einen kleinen Umweg über einen Höhenzug, dort ist es schön, aber Verpflegungstechnisch völlig uninteressant – nachdem ich die EINZIGE Dänin die KEIN Englisch spricht vergeblich um Rat gefragt habe, haben wir uns auf *Da lang!* und wildes Rumgestikulieren geeinigt.

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Also bin ich einen Abstecher nach Struer gefahren, da gab es das beste indische Essen das ich je hatte. Da ich die dänische Karte sowieso nicht lesen kann habe ich dem Kellner gesagt es solle mir einfach das geben, was er essen würde und es genauso scharf machen wie – richtig – er es essen würde. Gott war das gut!

[IMG] Zurück auf den Track ging es danach und weiter erst nach Westen und danach scharf links nach Süden.

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Bis nach Fabjerg habe ich es geschafft und die nächste Bushaltestelle war mir.

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Samstag:
Kaffee im Supermarkt (WLAN) und weiter in den Süden, mehr und mehr Touristen.

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Klar, hier ist es schön und das Wetter ist sonnig. Allmählich spannt die Haut im Nacken, der Sonnenbrand kommt. Weil meine Zeit bis Montag früh allmählich zur Neige geht entschließe ich mich abzukürzen, ich werde bis Varde die Straße einfach geradeaus fahren, dort auf die [11] wechseln und bis Tønder fahren. Hinter der deutschen Grenze nehme ich dann die B5. Das spart mir ewiges rumgeeiere in der dänischen Provinz.
In Varde erst ein Rennen gegen einen historischen Panzer verloren und als Entschädigung das weltbeste Lachssandwich meines Lebens gegessen – für schlappe €13,-!

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In Tøndern, einer Kleinstadt wie vllt. Bad Dürkheim oder Wilhelmshaven sehe ich – ich habe mitgezählt! – 15 Leute auf der Straße. Dafür treffe ich aber am Ortsausgang einen Dänen der die dänischen Grenzen abradelt (Borders of Dammark, sozusagen). Leider fahren wir nicht miteinander, er will an der deutschen Grenze umdrehen und lieber innerhalb Dänemarks nach Osten – seine Karte geht nur bis zur Grenze. Wir wünschen uns alle Gute und teilen uns auf.

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In Süderlügum (ja, richtig geschrieben – ja, das liegt in Deutschland) gibt es das erste Lamajoun seit Tagen (die Dänen kennen das anscheinend nicht) und auch gleich zwei Ayran, welche entsetzlich auf meinen Lippen brennen (Salz).

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In Deutschland wollte ich ja eigentlich stupide die B5 entlangfahren, habe mich dann aber zum ersten mal für ein Autorouting mit dem Handy entschieden. Eigentlich keine schlechte Idee, aber der Akku war in nullkommanichts leer. Also in Jübek ab in die Bank, EC-Lounge, eigentlich nur laden und eine Pause machen, aber die Steckdose war gesichert und der Bodes sooo bequem…

Sonntag:
Nach dem Übersetzen über den Kanal

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und umfangreicher Suche nach Kaffee am Morgen (Brötchen ja, Kaffee nein) habe ich den lebenswichtigen Umweg über Wacken genommen (WACKEN!!!)

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und bin dann nach einer wunderschönen Szene in der ein Doppeldecker zweimal direkt über mir flog in Wedel in einen HERRLICHEN Platzregen gefahren. Es ist Sonntag, das letzte mal geduscht hatte ich am …Montag? Also vor einer Nachtschicht, 1300km und einer Spargelsuppe? Geil! Die Oma an der roten Ampel neben mir schüttelt nur unverständlich den Kopf als ich mit ausgestreckten Armen dastehe und mich der Naturgewalt hingebe.
In Blankenese bin ich fast wieder trocken, ich werde herzlich in Empfang genommen und nach 5 Tagen, 1 Stunde und 20 Minuten bin ich der Erste der die Transcimbrica gefahren ist.

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Gelernt:

  • 16h brutto Radfahren, 8h brutto schlafen = 275km/d bei einem Nettoschnitt von >22km/h
    Läuft!
  • Dänemark ist definitiv Skandinavien
  • es gibt Berge in Dänemark, man sieht sie nur nicht
  • man kann das Fahren auf Gravel lernen, ich aber werde es nie lieben
  • Tierzucht stinkt
  • Tierzucht stinkt so sehr, das man fast zum Veganer werden könnte, dann sind nämlich die Anderen schuld
  • das erste was man in Dänemark sieht ist ein Sexshop
  • das letzte das man in Dänemark sieht ist ein Waffengeschäft
  • das erste was man in Deutschland sieht ist eine Dönerbude
  • das zweite das man in Deutschland sieht ist ein Puff in einem Ort der Lecken heißt
  • in dänischen Supermärkten wird das Gemüße nachts nicht eingeschlossen
  • in Dänemark gibt es Supermärkte mit WLAN
  • in Wacken ist das ganze Jahr W:O:A
  • WACKEN!!!
  • ich brauche ein Rad mit breiteren Reifen
  • ich LIEBE LIEBE LIEBE den Conti 4Season (ein einziger Plattfuß auf den 1300km (Loch auf der Seite), trotz des Schotters, obwohl ich vorne mit einem 2 Jahre alten 28er und hinten mit einem abgefahrenen 23er unbekannten Alters angetreten bin)
  • ob ich im März ’17 mitfahre – schau‘ ‚mer mal…
  • der neue Fendor Bendor von Ass-Savers hält und schützt
  • 6 Tage frei, gefressen wie ein Scheunendrescher, >7kg abgenommen
    ich wusste es immer – Arbeit macht fett!
  • Schon bei der 1000duSud dachte ich mir, dass eine Badehose nützlich wäre…

Mehr Fotos gibt es auf meinem Fratzenbuch, die ganze Fahrt auf Strava.

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